Diese Frage begegnet vielen Züchtern, die ihre Arbeit ernst nehmen und sich bewusst dafür entschieden haben, Zucht nicht nebenbei, sondern als Beruf auszuüben. Oft schwingt dabei der Vorwurf mit, Professionalität stehe im Widerspruch zu Verantwortung. Doch genau das Gegenteil ist der Fall.
In kaum einem anderen Bereich wird Beruflichkeit so kritisch betrachtet wie in der Tierzucht. Dabei ist sie in anderen Lebensfeldern völlig selbstverständlich:
Ein Arzt ist kein schlechter Arzt, weil er täglich viele Patienten behandelt.
Ein Pädagoge verliert nicht an Empathie, nur weil er viele Kinder begleitet.
Entscheidend ist nie die Menge – sondern die Haltung.
Auch in der Zucht sagt weder die Anzahl der Würfe noch der Umstand, dass sie hauptberuflich betrieben wird, zunächst etwas über Qualität aus. Trotzdem wird heute schnell etikettiert: Mehr als ein Wurf im Jahr, Sichtbarkeit oder eine professionelle Struktur reichen oft aus, um als „Vermehrer“ abgestempelt zu werden – nicht, weil konkret etwas falsch läuft, sondern weil es nicht in ein romantisiertes Bild von Zucht passt.
Doch Romantik hat noch nie eine Rasse gesund gehalten.
Der Begriff „Vermehrer“ ist dabei kein Argument, sondern eine Abkürzung. Er erspart Differenzierung, Recherche und Verantwortung. Man benutzt ihn, wenn man nicht hinschauen will. Denn wer genau hinsieht, merkt schnell: Die Realität der Zucht passt nicht in einfache Schubladen.
Zucht ist kein Moralwettbewerb und kein Ehrenamt, das automatisch sauberer ist, nur weil es „nebenbei“ läuft. Zucht ist ein Handwerk – und Verantwortung. Und Verantwortung misst sich nicht an Idealen, sondern an Entscheidungen.
Ein Vermehrer arbeitet ohne Plan, ohne langfristige Verantwortung und ohne echtes Interesse am einzelnen Tier.
Ein verantwortungsvoller Züchter hingegen – unabhängig davon, ob im Neben- oder Hauptberuf – stellt sich den Konsequenzen seines Handelns.
Ein Vermehrer fragt nicht nach Folgen.
Ein Züchter analysiert sie.
Ein Vermehrer weicht Problemen aus.
Ein Züchter dokumentiert sie, spricht darüber und zieht Konsequenzen.
Ein Vermehrer reagiert auf Nachfrage.
Ein Züchter arbeitet vorausschauend – oft gegen Trends, gegen Markt, gegen Applaus.
Gerade eine professionell geführte Zucht ermöglicht häufig erst das, was verantwortungsvolle Zucht ausmacht: Zeit, Struktur, Erfahrung, verlässliche Abläufe, fundierte Gesundheitsvorsorge und die Kapazität, sich jedem einzelnen Wurf wirklich zu widmen. So wie ein guter Handwerksbetrieb nicht an Sorgfalt verliert, weil er regelmäßig Aufträge ausführt, verliert auch eine gut geführte Zucht nicht an Qualität, nur weil sie kontinuierlich arbeitet.
Mehrere Würfe im Jahr bedeuten nicht automatisch „mehr Hunde“.
Sie können bedeuten:
• geplante Zucht statt Zufall
• Erfahrung statt Versuch und Irrtum
• Präsenz statt „nebenbei“
• und vor allem: Verantwortung als tägliche Aufgabe
Wer glaubt, Verantwortung ließe sich an der Anzahl der Würfe festmachen, macht es sich zu leicht. Denn viele gesundheitliche Probleme in Rassen sind nicht durch professionelle Zucht entstanden, sondern durch Wegsehen, Schönreden und Angst vor Kritik – oft über Jahrzehnte hinweg.
Es ist leicht, mit dem Finger zu zeigen.
Es ist schwerer, Linien offen zu analysieren, genetische Sackgassen zu benennen und bewusst andere Wege zu gehen.
Und ja: Wer hauptberuflich züchtet, ist sichtbar.
Wer sichtbar ist, ist angreifbar.
Aber Sichtbarkeit ist kein Makel – sie ist Transparenz.
Die unbequeme Wahrheit ist: Gute Zucht braucht Zeit. Viel Zeit. Sie braucht Präsenz, Wissen, Geld und Erfahrung. All das lässt sich kaum „nebenbei“ leisten.
Nicht jeder, der wenig züchtet, züchtet gut.
Nicht jeder, der viel züchtet, züchtet schlecht.
Vielleicht sollten wir daher weniger fragen, wie oft gezüchtet wird, und mehr darauf schauen, wie gezüchtet wird:
Wie leben die Hunde?
Wie werden sie aufgezogen?
Wie transparent ist die Arbeit?
Und wie lange bleibt der Züchter Ansprechpartner?
Die entscheidende Frage lautet nicht:
Wie viele Würfe hast du?
Sondern:
Welche Verantwortung übernimmst du – auch dann, wenn niemand zuschaut?








