Wer sich intensiver mit der Dalmatinerzucht beschäftigt, stößt früher oder später auf ein Thema, das beinahe reflexartig diskutiert wird: blauäugige Dalmatiner. Kaum beginnt man zu recherchieren, findet man immer wieder die gleiche, fest verankerte Aussage: Blaue Augen sind genetisch mit einem erhöhten Risiko für angeborene Taubheit verbunden – und deshalb gehören solche Hunde nicht in die Zucht.
Diese pauschale Einschätzung hat mich lange begleitet. Und ich gebe offen zu: Auch ich habe sie zunächst nicht hinterfragt.
Dann kam Froni.
Froni stammt aus meinem F-Wurf 2023 – eine Hündin, die vom ersten Moment an etwas ganz Besonderes war. Ausdrucksstark, typvoll, mit einem wunderbaren Wesen. Und doch hatte sie dieses eine Merkmal, das alles infrage stellte: ein blaues Auge.
Es war für mich zunächst klar: So sehr sie mich auch faszinierte, für die Zucht würde sie nicht infrage kommen. Also begann ich, für sie ein passendes Zuhause zu suchen. Ich glaubte auch, dieses gefunden zu haben. Doch nur wenige Tage später kam der Anruf: Zweifel. Verunsicherung. Das Thema „blaue Augen und Taubheit“ hatte Wirkung gezeigt. Froni war wieder frei.
Und ich stand plötzlich selbst vor der Frage: Was ist eigentlich wirklich dran?
Also ging ich den Weg, den ich immer gehe, wenn ich Antworten suche – ich fragte jemanden mit echter, praktischer Erfahrung. Meinen Tierarzt. Ein Mann, der seit über 40 Jahren Hörtests bei Hunden durchführt und unzählige Dalmatiner gesehen hat.
Seine Antwort war überraschend – und ehrlich gesagt befreiend:
Nein. Blaue Augen sind nicht gleichzusetzen mit Taubheit. In seiner Erfahrung seien es überwiegend Hunde mit „normalen“ Augenfarben, bei denen Taubheit auftritt.
Das war der Moment, in dem ich begann, meine eigene Haltung zu überdenken.
Ich entschied mich bewusst gegen die pauschale Meinung – und für Froni. Hinzu kam, dass sowohl Ihre Mutter Toni als auch Ihre Großmutter Motte immer fehlerfreie Würfe „abgeliefert“ haben in Punkto Taubheit.
Diese Entscheidung blieb nicht ohne Gegenwind. In den folgenden zwei Jahren durfte ich mir so manchen kritischen Kommentar anhören. Von Züchtern, von Verbänden, von Menschen, die überzeugt waren, es besser zu wissen. Immer wieder dieselbe Frage: Wie kannst du es überhaupt in Erwägung ziehen, mit ihr zu züchten?
Meine Antwort war stets dieselbe – wenn auch meist nur in Gedanken:
Wir werden es sehen.
Interessant ist übrigens der Blick über den Tellerrand: In den USA sind blauäugige Dalmatiner deutlich häufiger und werden durchaus in der Zucht eingesetzt. Man fragt sich unweigerlich: Haben sie andere Erkenntnisse? Oder vielleicht einfach den Mut, differenzierter hinzusehen?
Dieses Jahr war es dann soweit.
Froni bekam ihren ersten Wurf – meinen P-Wurf.
Und was soll ich sagen? Diese Welpen sind schlichtweg großartig. Harmonisch gebaut, wunderschön getupft, mit stabilen, offenen Charakteren. Ein Wurf, wie man ihn sich als Züchter wünscht.
Doch der entscheidende Moment stand noch bevor: der Hörtest.
Ich wusste bereits, dass keiner der Welpen beidseitig taub war – das zeigt sich im Alltag recht deutlich. Aber einseitige Taubheit kann man leicht übersehen. Genau dafür gibt es den BAER-Test – objektiv, eindeutig.
Dann kam das Ergebnis.
Alle Welpen sind beidseitig hörend.
Alle.
Und ja – auch in diesem Wurf ist ein Welpe mit blauem Auge.
Ein gesunder, lebensfroher, vollständig hörender kleiner Dalmatiner.
In diesem Moment wurde mir eines ganz klar:
Hätte ich mich ausschließlich auf das verlassen, was „man so sagt“, hätte ich diese wunderbaren Hunde nie gezüchtet.
Natürlich bedeutet meine Erfahrung nicht, dass genetische Zusammenhänge ignoriert werden sollten. Verantwortung in der Zucht heißt immer auch, Risiken ernst zu nehmen und sorgfältig zu prüfen. Aber es bedeutet eben auch, differenziert zu denken, Erfahrungen zu sammeln und nicht jede pauschale Aussage ungefragt zu übernehmen.
Heute schaue ich auf meinen P-Wurf – voller Stolz.
Auf jeden einzelnen Welpen.
Und ganz besonders auf Froni.
Sie hat mir nicht nur einen außergewöhnlichen Wurf geschenkt, sondern auch eine wichtige Erkenntnis:
Manchmal lohnt es sich, genauer hinzusehen. Hinzuhören. Und auch dem eigenen Gefühl zu vertrauen – besonders dann, wenn es durch Wissen und Erfahrung gestützt wird.
Ich bin stolz auf alle Welpen. Und ich würde diesen Weg jederzeit wieder gehen.








