Gesundheit in der Hundezucht – was bedeutet das eigentlich?
Sind es gute Hüften? Freie Ellenbogen? Ein unauffälliger Gentest? Zwei hörende Ohren? Ein möglichst niedriger Inzuchtkoeffizient?
Ja. Aber eben nicht nur.
Ein Hund kann auf dem Papier hervorragende gesundheitliche Ergebnisse haben und trotzdem mit Angst, Unsicherheit, mangelnder Belastbarkeit oder problematischem Sozialverhalten durchs Leben gehen. Deshalb gehört für mich neben der körperlichen und genetischen Gesundheit noch etwas ganz Entscheidendes in den Mittelpunkt einer verantwortungsvollen Zucht:
die psychische Gesundheit und das Wesen unserer Hunde.
Genau diese Diskussion bekommt derzeit international neuen Rückenwind. Und ich finde: Es ist höchste Zeit.
Internationale Hundezucht beginnt umzudenken
Ausgangspunkt der aktuellen Diskussion sind unter anderem wissenschaftliche Arbeiten zur Zukunft der Hundezucht sowie das neue „Breeding for Health Framework“ des Royal Kennel Club.
Die Botschaft dahinter ist bemerkenswert: Jahrzehntelange Gesundheitsprogramme, Untersuchungen, DNA-Tests und Zuchtrichtlinien haben ohne Frage viel bewegt. Trotzdem bestehen in zahlreichen Rassen weiterhin erhebliche gesundheitliche Probleme.
Die Konsequenz kann deshalb nicht darin bestehen, einfach immer mehr einzelne Tests vorzuschreiben.
Wir müssen Hundezucht ganzheitlicher betrachten.
Das neue Konzept stellt im Wesentlichen drei Bereiche in den Mittelpunkt:
genetische Vielfalt, Körperbau sowie Rasseerkrankungen und Wohlbefinden.
Und gerade beim Wohlbefinden kommt ein Punkt ins Spiel, der meiner Meinung nach viel zu lange unterschätzt wurde: Temperament und psychische Gesundheit.
Gesundheit beginnt im Genpool
Ein Thema liegt mir bei COF Spots seit Jahren besonders am Herzen: genetische Vielfalt.
Denn wir können auf immer mehr Krankheiten testen – wenn wir gleichzeitig einen Genpool immer enger machen, lösen wir das grundsätzliche Problem nicht.
Eine Rasse ist eine Population. Und Populationen benötigen Vielfalt.
Deshalb reicht es für mich auch nicht, ausschließlich einen klassischen, aus der Ahnentafel errechneten Inzuchtkoeffizienten zu betrachten. Moderne DNA-Diagnostik ermöglicht uns heute einen wesentlich tieferen Einblick in die tatsächliche genetische Situation eines Hundes.
Genomischer Inzuchtkoeffizient, Heterozygotie, genetische Verwandtschaft und beispielsweise DLA-Haplotypen liefern Informationen, die vor wenigen Jahren in der praktischen Hundezucht kaum verfügbar waren.
Das bedeutet nicht, dass Zahlen allein gute Zucht machen.
Aber sie ermöglichen bessere Entscheidungen.
Das Popular-Sire-Problem
Ein besonders wichtiger Punkt ist dabei der sogenannte Popular-Sire-Effekt.
Ein erfolgreicher, schöner oder besonders gefragter Rüde wird sehr häufig eingesetzt und produziert innerhalb weniger Generationen eine große Zahl von Nachkommen.
Kurzfristig mag das attraktiv erscheinen.
Langfristig kann es jedoch dazu führen, dass sich der Genpool einer Population deutlich verengt. Bestimmte Gene verbreiten sich überproportional, andere verschwinden.
Genau deshalb sollte die Frage in moderner Hundezucht nicht nur lauten:
„Wie gut ist dieser Hund?“
Sondern auch:
„Was bedeutet sein Einsatz für die genetische Vielfalt der kommenden Generationen?“
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Ein schöner Hund ist nicht automatisch ein gesunder Hund
Auch die Bewertung des Körperbaus wird zunehmend hinterfragt.
Traditionell spielt das äußere Erscheinungsbild in der Rassehundezucht eine enorme Rolle. Standards, Ausstellungen und Bewertungen haben über Jahrzehnte geprägt, wie ein „guter“ Vertreter einer Rasse aussehen soll.
Aber Schönheit darf niemals wichtiger werden als Funktion.
Ein Körperbau muss dem Hund ermöglichen, sich frei zu bewegen, problemlos zu atmen, zu sehen, zu hören und ein möglichst beschwerdefreies Leben zu führen.
Der Hund wurde schließlich nicht für den Standard geboren.
Der Standard sollte dem Hund dienen.
Und wenn bestimmte Merkmale nachweislich gesundheitliche Nachteile verursachen, müssen wir den Mut besitzen, unsere Prioritäten zu überdenken.
Der vielleicht wichtigste Schritt: die Psyche
Besonders spannend finde ich, dass Temperament und psychisches Wohlbefinden inzwischen ausdrücklich als Zuchtziele diskutiert werden.
Denn genau hier haben wir in der Hundezucht noch erheblichen Nachholbedarf.
Wir sprechen über HD, ED, OCD, Augenuntersuchungen, Hörvermögen und genetische Erkrankungen. Das alles ist wichtig.
Aber wie häufig sprechen wir genauso konsequent über Angst?
Über Stressresistenz?
Über Unsicherheit?
Über Aggressionsverhalten?
Über Sozialkompetenz?
Über die Fähigkeit eines Hundes, sich in unserer heutigen Umwelt zurechtzufinden?
Ein Hund kann genetisch auf zahlreiche Erkrankungen getestet, anatomisch korrekt und äußerlich wunderschön sein – und trotzdem psychisch nicht stabil durchs Leben gehen.
Für die betroffene Familie und vor allem für den Hund selbst kann das eine enorme Belastung bedeuten.
Deshalb gefällt mir ein Gedanke aus dem beschriebenen Ansatz besonders:
Körper und Psyche dürfen in der Zucht nicht länger getrennt voneinander betrachtet werden.
Wesen ist nicht einfach „nett sein“
Dabei sollten wir auch den Begriff Wesen etwas differenzierter betrachten.
Ein wesensfester Hund muss nicht permanent freundlich wedelnd durch die Welt laufen. Und selbstverständlich besitzt jeder Hund einen individuellen Charakter.
Es geht vielmehr darum, ob ein Hund mit normalen Umweltreizen angemessen umgehen kann.
Kann er neue Situationen verarbeiten? Kann er nach Stress wieder herunterfahren? Wie reagiert er auf fremde Menschen, Hunde, Geräusche und unbekannte Umgebungen? Wie ausgeprägt sind Ängste? Wie belastbar ist er? Wie gut kann er sich orientieren und regulieren?
Und selbstverständlich spielen dabei nicht ausschließlich Gene eine Rolle.
Aufzucht, Sozialisation, Erfahrungen, Haltung und der spätere Umgang durch den Menschen beeinflussen die Entwicklung eines Hundes erheblich.
Aber auch die genetische Komponente dürfen wir nicht ignorieren.
Wesen beginnt nicht erst beim Welpenkäufer.
Genau deshalb ist Aufzucht für mich Zuchtarbeit
Für mich endet Zucht nicht mit der Auswahl zweier Hunde und auch nicht mit der Geburt der Welpen.
Im Gegenteil.
Dann beginnt ein entscheidender Teil unserer Verantwortung.
Welpen brauchen Geborgenheit und Sicherheit – aber genauso angemessene Erfahrungen. Sie müssen Menschen kennenlernen, unterschiedliche Untergründe erleben, Geräusche hören, neue Räume erkunden und schrittweise mit ihrer Umwelt vertraut werden.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, möglichst viele Punkte einer Sozialisationstabelle abzuhaken.
Mehr Reize bedeuten nicht automatisch bessere Sozialisation.
Ein Welpe muss Erfahrungen verarbeiten können.
Deshalb beobachte ich meine Welpen sehr genau. Wer geht mutig voran? Wer beobachtet zunächst? Wer sucht Unterstützung? Wer braucht etwas länger? Wer ist besonders menschenbezogen? Wer ist sehr aktiv? Wer besitzt viel Ruhe und Gelassenheit?
Diese Unterschiede sind keine Fehler.
Sie sind Charakter.
Und genau deshalb halte ich auch wenig davon, einen Welpen ausschließlich nach Farbe, Flecken oder einem Foto auszuwählen.
Am Ende sollen Hund und Mensch viele Jahre miteinander leben.
Dann ist Charakter wesentlich wichtiger als die perfekte Fleckenverteilung.
Was moderne Hundezucht für mich bedeutet
Viele dieser internationalen Entwicklungen bestätigen genau den Weg, den ich mit COF Spots eingeschlagen habe.
Gesundheitsuntersuchungen gehören selbstverständlich dazu. Ebenso DNA-Diagnostik, die Betrachtung genetischer Vielfalt und eine sorgfältige Auswahl der Verpaarungen.
Aber für mich reicht das nicht.
Ich möchte nicht einfach Hunde produzieren, die möglichst viele Tests mit „frei“ bestanden haben.
Ich möchte Hunde züchten, die eine möglichst gute Grundlage für ein langes, gesundes und psychisch stabiles Leben mitbringen.
Deshalb betrachte ich Gesundheit nicht eindimensional.
Körperliche Gesundheit, genetische Vielfalt, funktioneller Körperbau und Wesen gehören zusammen.
Keiner dieser Bereiche darf dauerhaft auf Kosten eines anderen optimiert werden.
Und wir Züchter müssen uns selbst hinterfragen
Ein Satz aus dem Artikel hat mich besonders beschäftigt: Bevor wir Veränderungen von anderen fordern, sollten wir selbst kritisch in den Spiegel schauen.
Genau das gehört für mich zu verantwortungsvoller Zucht.
Nicht jede Entscheidung der Vergangenheit muss heute noch richtig sein.
Neue wissenschaftliche Erkenntnisse dürfen unsere Meinung verändern.
Neue diagnostische Möglichkeiten dürfen unsere Zuchtplanung verändern.
Und wenn wir feststellen, dass ein Hund für die Zucht doch nicht geeignet ist, müssen wir die Konsequenz daraus ziehen können – selbst wenn wir große Hoffnungen in ihn gesetzt haben.
Zucht bedeutet nicht, Recht behalten zu müssen.
Zucht bedeutet, bereit zu sein, dazuzulernen.
Und manchmal bedeutet Verantwortung eben auch, einen geplanten Weg nicht weiterzugehen.
Ahnentafel, Titel und DNA-Test sind keine Gesundheitssiegel
Auch das sollten zukünftige Welpenkäufer verstehen.
Eine Ahnentafel allein garantiert keinen gesunden Hund.
Ein Championtitel garantiert keinen gesunden Hund.
Ein DNA-Test garantiert keinen gesunden Hund.
Und selbst ein niedriger Inzuchtkoeffizient allein garantiert keinen gesunden Hund.
Jedes dieser Instrumente kann wertvoll sein. Entscheidend ist aber, wie Züchter die verfügbaren Informationen miteinander verbinden und welche Konsequenzen sie daraus ziehen.
Moderne Hundezucht darf deshalb nicht aus einem einzigen Wert bestehen.
Wir brauchen das Gesamtbild.
Die Zukunft der Hundezucht liegt nicht in immer mehr Extremen
Immer kleiner. Immer größer. Immer außergewöhnlicher. Immer seltenere Farben. Immer spektakulärere Optik.
Der Markt kann solche Entwicklungen fördern.
Doch Zucht darf sich nicht allein danach richten, was sich besonders gut verkaufen oder in sozialen Medien präsentieren lässt.
Ein Hund lebt hoffentlich zehn, zwölf, vierzehn oder mehr Jahre mit seiner Familie.
Das niedliche Welpenfoto existiert dagegen nur einen winzigen Moment.
Deshalb müssen wir uns immer wieder fragen:
Was bleibt übrig, wenn die Optik keine Rolle mehr spielt?
Dann bleiben Gesundheit, Wesen, Belastbarkeit und Lebensqualität.
Und genau danach sollten wir züchten.
Mein Fazit: Eine gesunde Seele in einem gesunden Körper
Vielleicht befinden wir uns tatsächlich an einem Wendepunkt in der Rassehundezucht.
Die Möglichkeiten waren noch nie so groß wie heute. Wir verfügen über moderne genetische Diagnostik, wissenschaftliche Populationsanalysen, Gesundheitsuntersuchungen und immer mehr Wissen über Verhalten, Entwicklung und Wohlbefinden.
Jetzt müssen wir diese Möglichkeiten auch nutzen.
Nicht, um den perfekten Hund zu erschaffen – den wird es niemals geben.
Sondern um bessere und verantwortungsvollere Entscheidungen für die nächste Generation zu treffen.
Für mich bedeutet zukunftsorientierte Hundezucht deshalb:
Gesundheit vor Show. Vielfalt vor genetischer Enge. Funktion vor Übertypisierung. Wesen vor Optik. Wissen vor Tradition. Und Verantwortung vor wirtschaftlichem Interesse.
Denn am Ende züchten wir keine Stammbäume, keine Pokale und keine Instagram-Bilder.
Wir züchten Lebewesen.
Hunde, die Familien begleiten, Kinder aufwachsen sehen, Menschen trösten, Abenteuer erleben, alt werden und einen festen Platz im Leben ihrer Menschen einnehmen sollen.
Und genau deshalb verdient jeder von ihnen die bestmögliche Grundlage für beides:
einen gesunden Körper – und eine gesunde Seele.







