Ein Stammbaum wirkt beruhigend. Namen, Titel, Generationen sauber aufgereiht. Auf dem Papier sieht alles ordentlich aus, nachvollziehbar, vertrauenswürdig. Für viele gilt er als Beweis: Dieser Hund ist gut gezüchtet.
Doch genau hier beginnt die gefährliche Vereinfachung.
Denn ein Stammbaum sagt nichts über Genetik.
Er sagt nichts über genetische Zusammenhänge.
Und er sagt vor allem nichts über den genetischen Inzuchtkoeffizienten, der tatsächlich darüber entscheidet, wie eng Linien verpaart wurden und welches Risiko daraus entsteht.
Papier zeigt Abstammung – nicht die genetische Realität dahinter.
Ein Stammbaum verschweigt, wie oft bestimmte Linien wiederholt wurden.
Er verschweigt, wo sich Probleme häufen.
Er verschweigt, ob bewusst gegengesteuert oder einfach weitergemacht wurde.
Gerade beim Dalmatiner wird das schmerzhaft deutlich.
Taubheit ist kein neues Thema. Sie ist seit Langem bekannt und gut dokumentiert. Dennoch lässt sie sich bis heute nicht eindeutig genetisch erklären oder durch einen verlässlichen Test vorhersagen. Umso mehr wiegt die Verantwortung in der Zucht.
Und trotzdem fallen in manchen Zuchten immer wieder taube Welpen – nicht zufällig und nicht unerklärlich, sondern weil bekannte Risiken ignoriert, verharmlost oder bewusst in Kauf genommen werden.
Ein Stammbaum zeigt nicht, ob ein Züchter sich gefragt hat:
Warum passiert das immer wieder?
Welche genetischen Faktoren spielen hier eine Rolle?
Welche Linien kombiniere ich – und warum?
Er zeigt nicht, ob recherchiert wurde.
Nicht, ob Fachliteratur gelesen, Experten befragt oder Daten ausgewertet wurden.
Und er zeigt nicht, warum trotz bekannter Problematik weiter mit einer Hündin gezüchtet wurde, aus deren Würfen erneut taube Welpen hervorgegangen sind.
Denn genau hier beginnt Verantwortung – oder ihr Fehlen.
Verantwortung heißt nicht, einen Stammbaum vorzuzeigen.
Verantwortung heißt, Konsequenzen zu ziehen.
Auch dann, wenn es wehtut.
Auch dann, wenn es finanziell oder emotional schwerfällt.
Auch dann, wenn es bedeutet, eine Hündin aus der Zucht zu nehmen, obwohl sie „wertvoll“ ist.
Ein Stammbaum zeigt keine Entscheidungen.
Er zeigt keine Zweifel.
Er zeigt kein Aufhören.
Er erzählt nichts über das Wegsehen.
Nichts über das Schönreden.
Nichts über das bewusste Weiterzüchten trotz Warnsignalen.
Und er sagt auch nichts darüber, was nach dem Verkauf passiert.
Ob Verantwortung endet, sobald der Kaufvertrag unterschrieben ist.
Oder ob jemand erreichbar bleibt, Fragen aushält und Probleme ernst nimmt – auch dann, wenn sie unbequem sind.
Ein Stammbaum ist Papier.
Genetik ist Realität.
Und Verantwortung ist Haltung.
Ein Hund wird nicht gesund, nur weil seine Ahnen dokumentiert sind. Er wird es, weil jemand bereit war, genauer hinzusehen. Weil jemand bereit war, Wissen über Bequemlichkeit zu stellen. Und weil jemand den Mut hatte zu sagen: Hier nicht weiter.
Ein Stammbaum kann ein Werkzeug sein.
Aber er ist kein Beweis.
Und schon gar kein Freispruch.
Denn das Wichtigste steht in keinem Dokument:
Ob ein Mensch bereit ist, Verantwortung zu übernehmen – gerade dann, wenn niemand mehr hinschaut.








