Wie wurden Hunde ernährt, bevor es industrielles Hundefutter gab?

Hunde stehen vor eine Tisch mit Essen

Geschichte, Hintergründe und warum Bequemlichkeit bis heute eine große Rolle spielt

Hundeernährung vor der Industrie: Jahrtausende ohne Fertigfutter

Über den größten Teil der gemeinsamen Geschichte von Mensch und Hund – rund 15.000 bis 30.000 Jahre – existierte kein industriell hergestelltes Hundefutter. Hunde lebten in enger Gemeinschaft mit dem Menschen und wurden entsprechend der lokalen Gegebenheiten, Nutzung und sozialen Stellung ernährt.

Archäologische Funde, historische Texte und landwirtschaftliche Aufzeichnungen zeigen ein klares Bild:
Hunde waren keine Konsumenten speziell entwickelter Nahrung, sondern Teil eines ressourcenbasierten Systems.

Was fraßen Hunde historisch?

  • Küchenreste (Brei, Brot, Gemüse, Molkereireste)
  • Schlachtabfälle (Innereien, Knochen, Knorpel, Fett)
  • Fischreste in Küstenregionen
  • Blut, Molke oder gekochte Getreidebreie
  • Bei freilebenden oder halbfreien Hunden zusätzlich Aas und Beutetiere

Bereits im Mittelalter finden sich Hinweise auf gezielte Fütterung von Jagd- und Hofhunden, etwa in jagdlichen Lehrschriften und Haushaltsbüchern des Adels. Diese Hunde erhielten energiedichtere Nahrung, während Hof- und Dorfhunde überwiegend Reste verwerteten.

Vorteile der historischen Hundeernährung

✔ Naturnähe und Vielfalt

Die Ernährung war abwechslungsreich, saisonal und regional angepasst. Hunde erhielten unterschiedlichste tierische und pflanzliche Bestandteile – keine täglich identische Mahlzeit.

✔ Anpassung an Leistung

Arbeitshunde (Jagd-, Hüte-, Schlittenhunde) wurden gezielt energiereicher ernährt. Ernährung war funktional, nicht standardisiert.

✔ Nachhaltige Ressourcennutzung

Es gab kaum Abfall. Hunde waren Teil der Verwertungskette – ein ökologisches Prinzip, das heute wieder als modern gilt.

Die Kehrseite: Warum nicht alles „besser früher“ war

So romantisch die Vorstellung oft ist – historisch betrachtet hatten viele Hunde auch mit Problemen zu kämpfen:

  • Nährstoffmängel (v. a. Kalzium, Jod, Vitamine)
  • Parasiten und bakterielle Belastung
  • Hunger in Notzeiten
  • Hohe Welpen- und Junghundsterblichkeit
  • Kurze durchschnittliche Lebenserwartung

Wichtig ist jedoch:
Diese Probleme resultierten nicht aus frischer Nahrung an sich, sondern aus Armut, fehlendem Wissen und unsicheren Lebensbedingungen.

Die Geburt des industriellen Hundefutters

Wann begann es?

  • 1860er Jahre: erste Hundekekse in England (Spratt’s Dog Cakes)
  • Frühes 20. Jahrhundert: Konserven
  • Ab den 1950ern: Trockenfutter durch Extrusion

Warum entstand industrielles Hundefutter wirklich?

Die Einführung hatte mehrere Gründe, doch einer sticht klar hervor:

👉 Bequemlichkeit des Halters

  • Urbanisierung → kein Platz für Schlachtung oder Lagerung
  • Berufstätigkeit → weniger Zeit
  • Wunsch nach einfacher, sauberer Lösung
  • Standardisierte Fütterung ohne Nachdenken

Ein weiterer, oft beschönigter Faktor:

👉 Wirtschaftliche Verwertung von Nebenprodukten

  • Schlachtabfälle, die für Menschen unverkäuflich waren
  • Reduzierung teurer Entsorgung
  • Aufbau eines lukrativen neuen Marktes
  • Kombination von Tierernährung und Industrieinteressen

Industrielles Hundefutter war nicht primär eine Antwort auf die Bedürfnisse des Hundes – sondern auf die Lebensrealität des Menschen.

Ist industrielles Futter ausgewogen? Ja. Ist es natürlich? Nein.

Industrielles Futter kann:

  • rechnerisch ausgewogen sein
  • Mindestbedarfe decken
  • Mangelerkrankungen verhindern

Aber es ist:

  • hochverarbeitet
  • uniform
  • oft rohstoffoptimiert, nicht hundeoptimiert
  • abhängig von Qualität und Transparenz des Herstellers

Der entscheidende Vergleich

Wir würden unseren Kindern nicht jeden Tag eine Maggi-Suppe aus der Tüte servieren – selbst wenn sie „alle Nährstoffe“ enthält.
Warum akzeptieren wir das beim Hund als Ideal?

Bequemlichkeit ersetzt nicht automatisch Qualität.

Fazit: Was wir aus der Geschichte lernen können

Hunde haben jahrtausendelang ohne industrielles Futter überlebt, oft unter schwierigeren Bedingungen als heute. Die moderne Industrie hat zweifellos Vorteile gebracht – doch sie ist kein evolutionärer Goldstandard, sondern ein praktischer Kompromiss.

Die eigentliche Frage lautet nicht:

Fertigfutter oder Frischfütterung?

Sondern:

Wie viel Verantwortung, Wissen und Individualität sind wir bereit, in die Ernährung unserer Hunde zu investieren?

Denn was für unsere Kinder gilt, gilt auch für unsere Hunde:
Gesundheit entsteht nicht aus Tüten – sondern aus bewussten Entscheidungen.